27.08.2023
Kommentar: Freie Wähler sind die neuen Krisenmanager

Es ist etwas ins Rutschen geraten in der Erdinger Politlandschaft. Und es sollte vor allem einer Partei zu denken geben: der CSU. Sie droht ihre Vorreiterrolle einzubüßen, wenn es darum geht, die „große Politik“ einzuschalten, um Probleme der „kleinen Leute“ vor Ort zu lösen.

Über Jahrzehnte traute man das nur der CSU mit ihren Verästelungen vom kleinen Ortsverband bis in die Ministerien und die Staatskanzlei hinein. Die Christsozialen warben damit ja sogar: „Wählt uns, denn nur wir haben den Draht nach ganz oben!“

Die Zeiten sind vorbei, denn im Landkreis Erding sind neue Krisenmanager aktiv – die Freien Wähler, und hier vor allem in der Person des umtriebigen, hemdsärmeligen, vor allem aber beharrlich zupackenden Benno Zierer.

Ein paar Beispiele gefällig: Zierer stellte sich an die Seite der Ottenhofener, die die neue Tennet-Stromleitung etwas weiter von ihren Häusern weg verlegt haben wollen. Der Streit ist noch nicht zu Ende. Als die Bürgermeister entlang der Bahnstrecke München–Mühldorf erfuhren, dass nach dem Ausbau weniger Züge bei ihnen halten sollten, trug Zierer den Zorn sogleich nach München – und war so schnell erfolgreich, dass er es selbst kaum glauben konnte. Aktuell kämpft er mit den Lengdorfern darum, bei der Walpertskirchener Spange eine Lärmschutz-Lücke zu schließen.

Bemerkenswert ist: Zierer ist Freisinger Parlamentarier und nur Betreuungsabgeordneter für Erding, ein Titel, den es offiziell gar nicht gibt. Das allein sollte der CSU zu denken geben. Wenn aus Lengdorf dann aber auch noch die Beschwerde kommt, man habe sich an den CSU-Bundestagsabgeordneten Andreas Lenz gewandt, der aber nicht einmal reagiert habe, wird’s brisant.

Natürlich schreibt ein CSU-Landrat Martin Bayerstorfer auch künftig „seinem“ Ministerpräsidenten Markus Söder. Und Erding hat mit Ulrike Scharf sogar eigene Ministerin. Doch größere Erfolge für den Stimmkreis gab es zuletzt kaum zu verzeichnen. Der Draht nach Berlin – dick war der nie, erinnert sei an den weitgehend erfolglosen Kampf gegen den A94-Lärm – ist abgerissen, seit dort die Ampel reagiert.

Was der CSU sechs Wochen vor der Landtagswahl zu denken geben sollte: Zwickt’s bei den Bürgern, wenden die sich immer öfter an die Freien Wähler, die hier gar keinen direkten Vertreter haben.

- Hans Moritz im Münchener Merkur, 26.08.2023